Liebe und Selbstliebe
Ich habe lange darüber nachgedacht, was mich an dem derzeit so häufig gehörten Konzept der Selbstliebe stört und worin es unstimmig erscheint. Wer liebt hier eigentlich wen? Und was nützt es, wenn ein Teil von mir behauptet, einen anderen Teil von mir zu lieben? Liebe ich dann alle Aspekte meiner selbst – oder gibt es weiterhin Eigenschaften, die ich an mir ablehne und nicht schätze?
In stillen Momenten – und manchmal auch ganz spontan – erfahre ich etwas anderes: Ich fühle, dass ich schlicht Liebe bin. Es gibt dann keine Trennung. Es ist einfach Liebe, Freude und ein Strahlen für alles in und um mich herum. Das ist meine unmittelbare Erfahrung.
Eine Sendung von Rupert Spira hat mir diesen Unterschied besonders klar gemacht. Er griff auf das bekannte englische Sprichwort zurück: „You can’t have your cake and eat it too“ – man kann den Kuchen nicht zugleich behalten und essen. Sobald man etwas erkennen will, muss man Abstand gewinnen und von außen darauf blicken. Nur so lässt sich feststellen, dass es ein köstlicher Kuchen ist. Wer den Kuchen jedoch wirklich liebt, wird ihn essen, ihn sich also einverleiben – und hat dann nichts mehr in der Hand, das er betrachten könnte. (Auch im Deutschen sagt man ja, man habe etwas „zum Fressen gern“.)
Genau dieser Gedanke findet sich in großer philosophischer und spiritueller Tradition wieder: im Kashmir Shivaismus, bei Ibn Arabi, bei Bernardo Kastrup und auch bei Federico Faggin. Im Shaivismus teilt sich Shiva in Shiva und Shakti und schließlich in die Vielfalt der Erscheinungen, um nicht in der ewigen Glückseligkeit zu verharren, sondern etwas zu erleben. Ibn Arabi formuliert es poetisch: „Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt und geliebt werden; darum erschuf ich die Welt.“Bernardo Kastrup beschreibt, wie „Mind at Large“ – das große Ganze – sich analog zu einer Persönlichkeitsspaltung in unzählige Teilpersönlichkeiten auffächert. Federico Faggin sagt aus eigener spiritueller Erfahrung dasselbe: Das Universum will sich selbst erkennen. Daher die Trennung, die Dualität.
Wer also etwas lieben will und es lediglich von außen betrachtet, hält es auf Distanz und belässt es im Fremden. Liebe bedeutet hingegen, mit dem Anderen eins zu werden. Und wenn man mit sich selbst wirklich eins wird, ist man die Liebe. Dann gibt es niemanden mehr, der irgendwen liebt – es sind keine Zwei mehr. Bei den gängigen Selbstliebe-Konzepten und Affirmationen bleibt man hingegen draußen: Ein Teil liebt einen anderen Teil, doch man ist nicht eins. Liebe ist das Einswerden.
Bin ich mit mir selbst wahrhaft eins, so bin ich die Liebe. Ich liebe mich dann nicht als etwas Getrenntes. Man kann auch mit dem eigenen Körper eins werden – das ist bereits schön und heilsam. Doch es geht weiter: Man kann mit allem um sich herum, den ganzen Raum der Wahrnehmung einschließlich des Körpers, eins werden. Dann ist nur noch Liebe da. Es gibt keinen Teil mehr, der einen anderen Teil liebt. Eigentlich ist es ganz einfach – doch unsere Gesellschaft ist so stark auf Erkenntnis und Trennung ausgerichtet, dass wir das Gefühl des Einsseins nur noch selten erfahren.
In diesem Zusammenhang denke ich auch an die Arbeit von Prof. Donald Hoffman. Mit mathematischen Modellen kommt er zu dem Schluss, dass jeder „conscious agent“ (jedes Bewusstsein), das sich mit einem anderen verbindet, ein neues Bewusstsein hervorbringt. Das ist im Grunde ein wissenschaftlicher Ausdruck für Liebe. Am Ende der Kette ergibt sich daraus, dass alle existierenden Bewusstseinseinheiten ein einziges Bewusstsein, ein „Ein-Sein“ bilden – das eine Bewusstsein, „Mind at Large“, das Universum oder Gott, wie immer man es nennen mag. Einfacher gesagt: In dem Augenblick, in dem du mit einem anderen Bewusstsein zusammen ein neues Bewusstsein erschaffst und Dich als eine Einheit wahrnimmst, ist das Liebe.
Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum so viele spirituelle Traditionen die vollständige Hingabe oder die bedingungslose Annahme von allem fordern. Das bedeutet keineswegs Zustimmung zu allem – Zustimmung wäre wiederum Erkenntnis und damit Trennung. Es bedeutet lediglich, in die Liebe einzutreten und die Glückseligkeit dieses Zustands zu erfahren und zu genießen. In diesem Moment gibt es keine Erkenntnis mehr, sondern nur noch Erleben.
Glücklicherweise können wir zwischen beiden Modi wechseln. Für das alltägliche Leben brauchen wir Abstand und Erkenntnis. Für unser Wohlbefinden und unser Glück brauchen wir die Liebe.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen